Eigentlich war für dieses Jahr überhaupt kein Sommerurlaub vorgesehen. Dann kam mein Freund mit zwei Konzerten in Rom um die Ecke, es ...

Neulich auf der Rennbahn: Sigur Rós im römischen Ippodromo delle Capannelle


Eigentlich war für dieses Jahr überhaupt kein Sommerurlaub vorgesehen. Dann kam mein Freund mit zwei Konzerten in Rom um die Ecke, es gab noch bezahlbare Flüge und Hotelzimmer und - zack - gab es zumindest einen Kurztrip. Ob es so schlau ist, bei über 30 Grad in Deutschland in eine noch heißere Stadt zu fahren, die noch dazu dafür berühmt ist, dass ihre Einwohner ihr im Hochsommer entfliehen (weil sie es dort auch nicht aushalten), sei einmal dahingestellt. Immerhin mussten wir uns zwischen Deutschland und Italien temperaturtechnisch kaum umstellen.


Rock in Roma ist eine Konzertveranstaltung, die bereits seit 11 Jahren besteht. Dort, wo sich normalerweise eine Pferderennbahn befindet, wird eine Art Festivalgelände mit Getränkeständen, Essen, Sponsoren und allem Pipapo aufgebaut, und dann spielen dort über zwei Monate hinweg verschiedene Bands - in diesem Jahr zum Beispiel My Bloody Valentine, Smashing Pumpkins, Rammstein, Zucchero und Bruce Springsteen - um eine stilistische Abstimmung der Live-Acts müssen sich die Veranstalter ja wegen der zeitlichen Trennung nicht bemühen.

Konzertbesuche im Ausland - noch dazu, wenn man die Sprache nicht spricht - sind ja immer ein wenig aufregend und so waren wir gespannt, ob die Anreise mit der italienischen Bahn vom Bahnhof Termini (Kostenpunkt: 1 Euro) sowie die Abholung der Tickets an der Abendkasse problemlos klappen würde. Das funktionierte aber ganz wunderbar, und so waren wir lange vor Konzertbeginn auf dem Gelände.


Wohl um den Essens- und Getränkeverkauf anzukurbeln, findet der Einlassbeginn bei Rock in Roma nämlich geradezu absurd früh statt. Sigur Rós sollten um 21:45 Uhr auf der Bühne stehen (Einlass: 18:30 Uhr), eine Vorband gab es nicht. Dennoch standen wir mit vielen anderen bereits gegen 20:00 Uhr vor der Bühne herum, um uns zumindest einen halbwegs guten Platz zu sichern. Auf den LED-Wänden neben der Bühne liefen zwar ein paar Musikvideos, aber sowohl diese als auch die Werbung dazwischen wiederholten sich ziemlich schnell. Dass wir auf dem Weg übers Gelände geradezu mit Werbegeschenken überschüttet worden waren (Stofftaschen, Kaugummi, Kondome), war da auch nur ein schwacher Trost, eineinhalb Stunden in der auch gegen Viertel vor Zehn noch intensiven Hitze zu warten macht einfach keinen Spaß. Klügere Konzertbesucher in unserer Nachbarschaft packten aus Tupperschüsseln ein halbes Picknick aus ...


So hatten wir zumindest mehr als ausreichend Zeit, das Bühnenarrangement zu betrachten, das aus ca. 50 Glühbirnen auf unterschiedlich hohen Ständern bestand. Außerdem gab es unter anderem auch ein Vibraphon zu besichtigen.

Relativ pünktlich begann dann das Konzert, und das Publikum um uns herum, das mir vorher noch als allzu gesprächig erschienen war, entpuppte sich dann doch als ziemlich ruhig. Dafür gab es mehrfach "Szenenapplaus" mitten im Lied (zum Beispiel als Jónsi bei "Svefn-g-englar" in seine Gitarre sang) und auch Versuche, mitzuklatschen! Bei Sigur Rós!


Die LED Leinwände neben der Bühne projizierten nun Bilder der Band von fest installierten Kameras, eine weitere hinter der Bühne zeigte Funkenflüge, Regen, Farbverläufe und Sequenzen aus Videos.

Das Set begann mit zwei Songs ("Yfirborð" und "Brennisteinn") vom neuen Album, danach waren weitere Titel aus "Kveikur" in einer Art "Best Of", die alle Albenveröffentlichungen berücksichtigte, eingebettet. Bei den aktuellen Liveterminen spielt die Band eine wechselnde Auswahl aus einem Grundstock von 18 Liedern - an diesem Abend bekamen wir 15 davon zu hören. 


Ungeachtet der Temperaturen über 30 Grad trugen Jónsi und ein Großteil der Band langärmlige Jacken und legten diese auch zu keinem Zeitpunkt ab. Alle waren dabei dunkel und schlicht gekleidet, nur Jónsi fiel mit seiner Phantasieuniformsjacke etwas auf, auch wenn diese nicht so schillernd war wie beim Solokonzert. Zu den drei verbleibenden festen Bandmitgliedern hatten sich noch zwei weitere Musiker gesellt, die häufig die Instrumente wechselten. Dazu kamen noch je drei Streicher und Bläser im Bühnenhintergrund.


Die Kommunikation mit dem Publikum wurde eher klein geschrieben: Nur Jónsi sagte einmal etwas, und das konnten wir leider nicht verstehen. Beim Lied "Olsen Olsen" übernahm einer der Bläser den Querflötenteil des kürzlich ausgestiegenen Kjartan „Kjarri“ Sveinsson. Die Wiederholung dieses musikalischen Motivs am Ende des Songs fiel allerdings weg. Das Publikum reagierte am begeistertsten auf "Hoppípolla", das darauf folgende "Með Blóðnasir" sang Jónsi allein, alle anderen Musiker hatten kurzzeitig die Bühne verlassen. 


Nach "Festival" war dann der Hauptteil des Konzertes nach rund 80 Minuten zu Ende. Im Mai hatte der ebenfalls isländische Künstler Ólafur Arnalds bei seinem Wiesbadener Konzert erzählt, dass das italienische Publikum seine Begeisterung anders ausdrückt als das deutsche, und wir konnten uns von der Korrektheit dieser Aussage überzeugen: Erst wurde durchaus begeistert applaudiert, dann wartete man mehr oder weniger schweigend auf die Rückkehr der Band.

Diese kannte sich mit den lokalen Gewohnheiten sicher ebenfalls aus und kehrte auch ohne "Zugabe"-Rufe oder andauernden Applaus nochmals für zwei Songs zurück auf die Bühne - eigentlich eine ärmliche Zugabe, aber bei Sigur Rós dauern zwei Titel, wenn man "Svefn-g-englar" und "Popplagið" auswählt, gerne einmal insgesamt 25 Minuten.


Danach gab es keine weitere Zugabe, aber die Band kehrte ihrer eigenen Tradition entsprechend nochmals zurück auf die Bühne und verbeugte sich zum Abschied.

Für den Rückkehr in die Innenstadt - mittlerweile war es nach Mitternacht und der letzte Zug weg - hatten wir uns Plätze in einem vom Veranstalter eingesetzten Bus gebucht, der uns zurück an den Hauptbahnhof Termini fahren sollte. Das tat er dann irgendwann auch, aber erst, nachdem wir ein unorganisiertes Chaos überstanden hatten, in dem der Name jedes einzelnen Busgastes in einer alphabetischen Liste abgehakt werden musste. Die sich daran anschließende Fahrt im Nachtbus vom Bahnhof zum Hotel erwies sich dagegen als ausgesprochen effizient, zumindest im Hinblick auf die Geschwindigkeit. Immerhin haben wir - glaube ich - niemand überfahren.


Setliste:

Yfirborð
Brennisteinn
Glósóli
Vaka
Ísjaki
Sæglópur
Olsen Olsen
Hrafntinna
Varúð
Hoppípolla
Með Blóðnasir
Kveikur
Festival

Svefn-g-englar
Popplagið



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